Liebe Tipp Leserinnen und Leser,

Tag X meines neuen Lebens:
„… Ein Therapeut kommt und lässt mich verschiedene Bewegungen machen. Zehen hochziehen – geht etwas. Beine strecken – geht gut, nur Kraft steckt nicht dahinter. Ich habe jedoch den Eindruck, dass es besser als gestern geht. Hände strecken und Finger spreizen – geht gar nicht. Mit den Fingern zugreifen – geht etwas, jedoch ohne jegliche Kraft dahinter. Der Therapeut murmelt bei jeder Bewegung eine Zahl und schreibt sie auf. Er verschwindet wieder.

Ich vegetiere so dahin mit meinen Schläuchen, die mich am Bett fixieren.

Abends kommen Sylvia und Niklas. Heute sitze ich schon etwas im leicht aufgerichteten Bett. Selbst das ist schon ein Fortschritt. Sie sagen, dass ich schon besser aussehe und kräftiger spreche …“ (Ausschnitt aus meinem Tagebuch vom September 2016)

Heute, am 14. September mit Erscheinen dieses Tipps des Monats ist es genau ein Jahr her, dass ich mir beim Rückwärtssalto auf meinem Trampolin buchstäblich den Hals gebrochen habe. Der 14. September wurde zu meinem zweiten Geburtstag.

Nur Bruchteile von Millimetern lagen an dem Tag zwischen Tod und Leben, zwischen einem „normalem“ und dem Leben eines Rollstuhlfahrers, zwischen selbstbestimmtem Leben und ewiger Abhängigkeit, zwischen beruflichem Erfolg und Erwerbsunfähigkeit.

In der Zeit, in der ich bewegungsunfähig, dann bewegungseingeschränkt in der Spezialklinik lag, habe ich über viele Dinge nachgedacht, an die ich sonst keinen Gedanken verschwendet habe. Ich hatte viel Zeit und die Chance, die Welt, mein Leben, mich selbst und mein Tun einmal „vom Balkon“ aus zu betrachten. Der Balkon schafft etwas Distanz und den Blick von oben auf die Dinge. Aus der neuen Perspektive sah auf einmal alles anders aus, ungewohnt, jedoch auch übersichtlicher und klarer.

Mit der Unterstützung meiner Ärzte, Therapeuten, Freunde und Familie ist es mir gelungen, meine motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten in Rekordzeit von drei Monaten wiederherzustellen. Das war ein Erfolg, für den ich unsagbar dankbar bin.

Was ist jedoch „Erfolg“? Ist er vom Schicksal einigen Auserwählten zugedacht? Ist er ein Produkt des Zufalls? Kann der Mensch etwas zu seinem eigenen Erfolg beitragen? Wenn ja, was ist das? Was kann ich persönlich tun, um erfolgreicher zu werden, um dem Schicksal etwas nachzuhelfen?

Dieser Tipp des Monats und die weiteren zu diesem Thema sind ein Angebot an meine Mitmenschen. Sie können an meinen Erfahrungen und Überlegungen teilhaben, die ich unter extremen Bedingungen in einem ganz bestimmten wichtigen Abschnitt meines Lebens gemacht habe. Wenn daraus eine Anregung für Sie entsteht oder die eine oder andere Überlegung Sie in Ihrem Leben ein kleines Stück voran bringt, freue ich mich sehr.

Lesen Sie nun einen Ausschnitt meiner originalen Niederschriften, aus dem letzten Drittel meines Klinikaufenthaltes. Vielleicht würde ich heute einiges anders ausdrücken, abschwächen, korrigieren. Ich habe darauf verzichtet. Es würde etwas an Seele verlieren.

Ihr Ralph Guttenberger

Unterschrift Ralph Guttenberger


 Neununddreißigster Tag meines neuen Lebens.

Sonntag. Nach meinem Sportprogramm arbeite ich weiter an einer Schulung. Ich komme voran.
Ich bearbeite das Thema Motivation in der Führung. Ein allgemein sehr widersprüchlich verstandenes und geschultes Thema. Meine Meinung ist, als Führungsperson kann ich keinen Mitarbeiter motivieren.

Motivation kommt immer von innen aus dem Menschen selbst. Ich kann nur das optimale Umfeld, die optimalen Rahmenbedingungen für den Mitarbeiter schaffen, die sein ganzes Leistungspotential zur Entfaltung kommen lassen.

Ist es nicht bei mir und jedem Heilungsprozess genauso? Ärzte und Medizin können nur die optimalen Voraussetzungen für die Selbstheilungsprozesse im Patienten schaffen. Kein Arzt und kein Medikament können heilen. Sie schaffen nur bessere, optimalere Voraussetzungen für die Selbstheilung. Dabei wird sofort klar, dass Heilung, besser gesagt Selbstheilung, zwei Wirkungsebenen hat: die physische und die mentale. Das Medizinische Personal mit allen seinen wissenschaftlich fundierten Mitteln und Methoden arbeitet oft nur auf der physischen Ebene. Die mentale Ebene muss der Patient selbst bearbeiten oder selbst organisieren. Sie ist gleichbedeutend, wenn nicht sogar noch wichtiger als die physische. Ich glaube, dass physische Heilung nicht ohne mentale Unterstützung möglich ist. Im Menschen selbst müssen das Wollen und das Glauben an die Genesung unbeugsam manifestiert sein. Beide können nicht von außen eingeredet werden.

Wollen und Glauben müssen aus dem eigenen inneren ICH kommen, nicht von außen überzeugt werden. Nur aus dem eigenen Innen kann ein Mensch zur Heilung „motiviert“ sein.

Ich glaube zu wissen, dass meine vergleichsweise schnelle Genesung auf meinen Glauben und meinen unbeugsamen Willen, wieder ohne Handikap am normalen Leben teilhaben zu können, zurückzuführen ist. Wie ist sonst zu erklären, dass viele Patienten in dieser Klinik, die die gleiche Verletzung wie ich haben (und das Rückenmark nicht durchtrennt ist), unterschiedlichste Heilungsprozesse durchlaufen? Durchschnittlich werden Patienten mit einer solchen Verletzung drei bis sechs Monate, mitunter sogar noch länger, behandelt. Danach kommt noch die Reha. Wenn ich hier nach drei Monaten inklusive Reha das Krankenhaus verlasse, ist das fast ein Wunder. Ich glaube jedoch nicht an Wunder. Ich glaube an die physische und mentale Stärke von Menschen. Beide vereinigt, können sie Berge versetzen.

Beide benötigen jedoch, wie fast alles im Leben, Training und Übung, bis sie zur Gewohnheit werden, dass sie auch in extremen Krisensituationen abrufbar sind, (wozu ich einen Genickbruch zähle), bis sie „automatisiert“ im richtigen Moment aus dem menschlichen Innen kommen, bis sie unbewusst erfolgreich machen.

Ich mache mir bei meinen Seminarvorbereitungen sehr häufig Gedanken, wie Erfolg funktioniert. Dabei glaube ich, dass es keine Unterschiede in der Entstehung von Erfolg im Beruf, im persönlichen Leben, bei der Genesung gibt. Das unterliegt alles ein und denselben Gesetzmäßigkeiten, den Erfolgsfaktoren im Leben.

Ich nenne diese Erfolgsfaktoren die Big Five des Erfolges. In Anlehnung an die Big Five der Tiere Afrikas (Löwe, Leopard, Elefant, Nashorn, Büffel), die ich als Naturfreund und leidenschaftlicher Afrika-Reisender unzählige Male in freier Wildbahn beobachten und fotografieren durfte und die mich immer wieder beeindruckt haben.

Meine Entwicklung in der Jugend, die Umsetzung meines Traumes, Jagdflieger zu werden, meine Ausbildung und mein 12-jähriges Leben als Kampfjetpilot und 26 Jahren Unternehmertum haben mich viele Parallelen zwischen einem erfolgreichen Piloten, einem guten Unternehmer und meiner jetzigen Genesung feststellen lassen. Die persönlichen Grundlagen des Erfolges sind gleich. Dazu ein keiner Exkurs in meine Vergangenheit.

Als ich das erste Mal mit meinem Fluglehrer die zweisitzige Schulversion meines ersten Kampfjets startete, wurde dieser Flug für mich ein ewig bleibender Eindruck. Jedoch nicht, wie Sie vielleicht jetzt denken, weil ich beim Fliegen über die Landschaft die Fliegerromantik erleben durfte. Nein, es war ein Flug von 20 Minuten nach dem ich schweißgebadet aus dem Cockpit stieg, kaum nachvollziehen konnte, was da in den letzten 20 Minuten geschehen war und ernsthaft daran zweifelte, dass ich dieses Flugzeug jemals alleine beherrschen werde. Dazu müssen Sie wissen, dass ich nach meinem 14. Lebensjahr Segelflugzeuge geflogen bin, mit 17 Jahren meinen Motorflugschein besaß, im Jahr vor diesem Flug bereits 90 Stunden Flugerfahrung auf einem kleinen Unterschall-Ausbildungsjet sammeln konnte und für diesen Kampfjet ein Vierteljahr Theorie- und Simulator-Ausbildung hinter mir hatte. Ich fühlte mich gut auf diesen Flug vorbereitet.

Und dann lief es etwa so. Ich gebe jetzt nur den Funkverkehr meines Fluglehrers im hinteren Cockpit mit mir im vorderen Cockpit wieder. Das reicht jedoch auch zum Verständnis, denn ich war in dem Flug nicht in der Lage auf die Hinweise des Fluglehrers (FL) zu antworten:

FL: „Nachbrenner ein. Ja, so ist das gut.“

3 Sekunden Pause.

FL: „Richtung Bahn-Mitte halten. Bugrad heben. Bugrad heben! Wir sind schon zu schnell, heben, heben!!!“

„Steigwinkel schneller einnehmen. Steigwinkel beachten! Wir sind zu flach und zu schnell! Fahrwerk einfahren!
Wir sind zu schnell! Willst Du das Fahrwerk zerstören!? Einfahren! Einfahren!“

„Nachbrenner aus. Willst Du in Bodennähe Überschall fliegen!? Nachbrenner aus und Leistung reduzieren!“

„Startklappen einfahren, wir sind schon viel zu hoch und zu schnelle. Klappen fahren!“

Fünf Sekunden Pause

FL: „Horizontalflug einnehmen. Wo willst Du hin? Wir sind schon 1.000 Meter zu hoch.
In den Weltraum fliegen wir später. Jetzt erst mal Leistung Raus und Steigwinkel reduzieren.“

„Verdammt, was machst Du. Steigwinkel langsam reduzieren. Ich hänge im Gurt am Kabinendach.
Willst Du uns umbringen? Das ist kein Segelflugzeug. Langsam mit Gefühl steuern.“

Das ging dann 20 Minuten so weiter. Den Rest erspare ich Ihnen.

Über Monate und Jahre wurde ich dann Schritt für Schritt weiter ausgebildet. Die vielen hundert kleinen Handlungen, die mich beim ersten Flug im Kampfjet völlig überfordert hatten, wurden zur Gewohnheit und zur Routine. Nachdem ich die Grundlagen der Steuertechnik beherrschte, kamen neue kompliziertere Flugmanöver dazu, bis auch diese zur Gewohnheit wurden. Zum Steuern des Flugzeuges kam die Bedienung der Waffenanlage hinzu. Auch hier darf verständlicherweise kein Fehler unterlaufen. Die nächste Stufe ist das Fliegen im Verband. Gemeint ist das enge Fliegen zweier oder mehrerer Flugzeuge Flügel an Flügel und die Erfüllung von Flug- und Kampfaufgaben im engen Verband.

Nach Jahren entwickelte ich dann für alle erdenklichen Situation eine gesunde Routine, eine Art und Weise, die Aufmerksamkeit zu verteilen und zu fokussieren, die es mir möglich machte, Details wahrzunehmen, den Kopf für Unvorhergesehenes und auch die Schönheit des Fliegens frei zu haben. All das, was anfangs für mich fast unmöglich, schier unerreichbar schien, wurde zur Gewohnheit.

Was hat das jetzt alles mit meiner Genesung zu tun?

In meiner Ausbildung, meinen Dienstjahren, meinen Jahren als Unternehmer wurden mir fünf Werte und Verhaltenseigenschaften anerzogen, ohne die ich die 12 Jahre „Kampfjet fliegen“ nicht überlebt hätte, als Unternehmer nicht erfolgreich geworden wäre und als Rückenmarks-Patient nicht restlos genesen würde.

Das sind meine Big Five des Erfolges:

  1. Disziplin
  2. Durchhaltevermögen
  3. Selbstvertrauen
  4. Demut
  5. Anpassungsfähigkeit

Ich werde diese Big Five noch näher ausformulieren, denn ich benötige diese Erkenntnisse zum einen für mich, zum anderen für meine Führungsseminare. Ich möchte anderen Menschen meine Erfahrungen mit auf den Weg geben, damit sie solche Situationen wie die meine besser meistern können. Für heute beende ich erst einmal meine Arbeit an dem Thema.

Zitat des Monats

"Erfolg" ist das Ergebnis, welches auf eine bestimmte Einstellung und eine Handlungsweise „erfolgt“.
Ralph Guttenberger

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