Am 14. September 2017 mit Erscheinen des ersten Tipps des Monats aus dieser Serie war es genau ein Jahr her, dass ich mir beim Rückwärtssalto auf meinem Trampolin buchstäblich den Hals gebrochen habe. Der 14. September wurde zu meinem zweiten Geburtstag.

Nur Bruchteile von Millimetern lagen an dem Tag zwischen Tod und Leben, zwischen einem „normalem“ und dem Leben eines Rollstuhlfahrers, zwischen selbstbestimmtem Leben und ewiger Abhängigkeit, zwischen beruflichem Erfolg und Erwerbsunfähigkeit.

In der Zeit, in der ich bewegungsunfähig, dann bewegungseingeschränkt in der Spezialklinik lag, habe ich über viele Dinge nachgedacht, an die ich sonst keinen Gedanken verschwendet habe. Ich hatte viel Zeit und die Chance, die Welt, mein Leben, mich selbst und mein Tun einmal „vom Balkon“ aus zu betrachten. Der Balkon schafft etwas Distanz und den Blick von oben auf die Dinge. Aus der neuen Perspektive sah auf einmal alles anders aus, ungewohnt, jedoch auch übersichtlicher und klarer.

Ich hatte Ihnen meine Big Fife des Erfolges“ benannt, die ich für alle meine Erfolge im Leben und meine Genesung verantwortlich mache. Das sind:

  1. Disziplin
  2. Durchhaltevermögen
  3. Selbstvertrauen
  4. Demut
  5. Anpassungsfähigkeit

Im vorangegangenen Tipp des Monats habe ich Ihnen erläutert, was Demut mit Erfolg zu tun hat.
Heute möchte ich Ihnen gerne erklären, warum Anpassungsfähigkeit ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.
Lesen Sie nun hier meine originalen Aufzeichnungen, die ich im letzten Drittel meines Klinikaufenthaltes niederschreiben konnte.

Ihr Ralph Guttenberger

Unterschrift Ralph Guttenberger


 

Fünfter meiner Big Fife, die Anpassungsfähigkeit:

Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, aber diejenige, die am anpassungsfähigsten auf Veränderungen reagiert.

Charles Darwin (1809-1882), brit. Naturforscher

Wer kennt ihn nicht den berühmten Satz von Darwin. Häufig wird er jedoch falsch interpretiert. Oft höre ich in dem Zusammenhang die Interpretation „Der Stärkere wird überleben.“ Nein, Darwin sagt bewusst, es kommt auf die Anpassungsfähigkeit, nicht auf die Stärke an.

Wie oft habe ich mich im Leben an veränderte Bedingungen angepasst. Ich denke da an 1990, der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Der Staat, für den ich als Offizier und Jagdflieger gedient hatte, hörte auf zu existieren. Sechs Jahre Studium, drei Jahre Führungsakademie und eine Karriere bis zum Staffelkapitän einer Marinefliegerstaffel waren auf einen Schlag nichts mehr wert. Mir und wenigen meiner Kameraden wurde angeboten, Ihren Dienst in der Bundeswehr weiter zu verrichten, nicht im Flugdienst bei der Luftwaffe, jedoch in einer Stabsdienststellung. Alle, die ich kenne, haben dieses Angebot angenommen. Sie haben die Sicherheit der Anpassung vorgezogen. Ja, sie hatten erst einmal einen Job, jedoch keine Perspektive mehr. Da mir das klar war, habe ich das Angebot abgelehnt. In einer Armee, die gerade noch unser Gegner war, werde ich keine auch nur annähernd ähnliche Perspektive bekommen, wie ich sie nach der Führungsakademie geplant hatte. Dazu kam, dass es schon ein wenig übel aufstößt, wenn ich die Unteroffiziere und Offiziere meiner Staffel mit einem ganz konkreten Feindbild ausgebildet und geführt habe und dann alle entlasse, zum Arbeitsamt entsende und danach selbst beim Feind als Arbeitgeber anheure. Nein, ich muss mich immer noch im Spiegel ansehen können.

So wählte ich die Selbständigkeit, gründete mein erstes Unternehmen, belegte noch zwei Zusatzstudiengänge in Betriebswirtschaft und Führung in der Marktwirtschaft und weitere Lehrgänge und passte mich den neuen Gegebenheiten, der neuen Gesellschaftsform, dem neuen Umgang der Menschen miteinander und, und, und an.

Nicht alle Kameraden waren so anpassungsfähig. Von einigen erfuhr ich, dass sie den Freitod gewählt hatten, andere sind Alkoholsüchtig geworden, einige haben das Angebot bei der Bundeswehr angenommen. Mit der Entscheidung waren einige später zufrieden und einige unglücklich. Ich habe meine Entscheidung, mein Leben vollkommen alleine ohne Chef und Dienstherren in die Hand zu nehmen, nie bereut.

Dass ich es nie bereut habe, liegt jedoch auch daran, dass ich mich immer wieder anpassen musste und aus eigener Entscheidung angepasst habe.

Dabei denke ich an den Verkauf meiner 50% Unternehmensanteile an meinem direkt nach der Wiedervereinigung gegründeten Unternehmen. Das Geschäftssystem war in eine Sackgasse geraten. Die von mir gewollte Richtungsänderung wurde von meinem 50%-Partner nicht geteilt. So entschied ich mich, meine Anteile am Geschäft an ihn zu verkaufen und neue Wege zu gehen, ein neues Unternehmen aufzubauen.

Dabei denke ich auch an meine jüngste Vergangenheit, als ich vor drei Jahren aus einem angesehenen Unternehmen ausstieg und eine am Markt etablierte Marke kaufte, um darauf mein nächstes Unternehmen aufzubauen.

Solche Anpassungen sind immer mit sehr viel Mut zur Entscheidung verbunden. Jede dieser Entscheidungen für etwas Neues waren auch stets Entscheidungen gegen etwas Altes, durchaus noch Erfolgreiches, Geliebtes, Vertrautes. Jede dieser Entscheidungen waren mit Schmerzen und Erwartungen verbunden, mit Tränen und Lachen, mit Ängsten und Freuden, mit Zustimmung und Missbilligung meiner Familie.

Ich kann heute zurückblickend nicht von allen Entscheidungen sagen, dass sie die richtigen waren. Ich bin sie jedoch stets mit ganzer Kraft und ohne Hintertüren gegangen.

Wenn ich mir beim Einschlagen eines neuen Weges Hintertüren auflasse, gehe ich nicht mit voller Kraft vorwärts. Es wird immer eine gebremste Fahrt werden, denn ich halte mir ja die Option offen, jederzeit abbremsen, umlenken und durch die Hintertür zurück fahren zu können. Das geht nur in langsamer Fahrt.

In einer meiner Veröffentlichungen schrieb ich über Veränderungen im Verkauf unter dem Titel: „Verkaufen 2020. Welche acht Trends verändern die Zukunft des Verkaufens?“

Darin schrieb ich: „Unsere Welt wird immer schneller, immer komplexer. Wer heute noch erfolgreich ist, kann morgen schon vom Markt verschwunden sein. Auch wenn sich die Anforderungen ständig verändern, gibt es eine Konstante: Den Wandel.  Ein griechischer Philosoph sagte einmal: „Veränderung ist das einzig Beständige“. Wir können Veränderungen weder vermeiden noch verhindern. Vielmehr sollten wir das Positive darin sehen, denn Veränderung bedeutet Bewegung.

Deshalb stellen Sie sich bitte immer wieder die Fragen:

  • Was wird in den nächsten Jahren auf uns zu kommen?
  • Was können wir tun, damit wir auch in Zukunft an der Spitze stehen?
  • Wie sichern wir unseren nachhaltigen Erfolg?

Fest steht: Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir immer wieder neue Konzepte für uns selbst brauchen. So geht es Unternehmern, so geht es Führungspersonen, so geht es Verkäufern. Wer nachhaltig Erfolg haben will, benötigt Anpassungsfähigkeit.

Nicht nur wir Menschen müssen uns stets weiter entwickeln, auch Unternehmen dürfen in ihrer Entwicklung nicht still stehen. … Denn eins steht fest: Wer stehen bleibt, fällt zurück. Wer zurück fällt, verschwindet.“

Zurückblickend kann ich sagen, das ist für mich immer Programm gewesen. Ich wünsche mir, dass ich den Mut zur Anpassung, zur Veränderung immer behalten werde.

Heute trainier ich besonders hart, motiviert durch meine Überlegungen zur Anpassung, motiviert jedoch auch durch mein noch immer großes Kraftdefizit im Vergleich zu meiner Leistung vor dem Unfall. Jetzt schaffe ich 14 Liegestütze, es waren einmal 60. Ich trainiere meinen Bizeps mit 6 Kilogramm, es waren einmal 16. Ich schaffe noch keinen Klimmzug und hatte doch vor dem Unfall noch mit Leichtigkeit über 22 gezogen. Gespannt bin ich, wann ich das erste Mal wieder auf meine kurze Laufstrecke zu Hause gehe, die über 5 Kilometer führt.

Lass mich allen diesen und zukünftigen Herausforderungen immer mit Disziplin und Durchhaltevermögen, mit Selbstvertrauen und Demut begegnen und immer bereit sein mich ändernden Gegebenheiten anzupassen.

(Anmerkung vom 02. September 2017: Das war der Stand vom Dezember 2016. Heute, ein Jahr später, stehe ich bei 42 Liegestützen, 12 Klimmzügen und laufe seit August 2017 wieder schmerzlos meine längeren Strecken. Ich trainiere weiterhin täglich 30 Minuten bis 1 Stunde, um meine frühere Leistungsfähigkeit wieder zu erlangen.)

Zitat des Monats

Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, dass sich alles verändert.
Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896-1957), ital. Schriftsteller

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